Karin Kittel

Nullnummer 

Auf den Tag genau, heute in einem Jahr, werde ich 40. Als ich Kind war und neben 30 Jährigen in der Bahn stand fand ich, dass sie leicht modrig und verwest riechen würden. Ich ließ mir schnell noch die Haare wachsen, da ich mich von alten Frauen mit Kurzhaarschnitt und lilafarbenen Wasserwelle abgrenzen wollte. Heute bin ich 39 geworden, 9 Jahre älter als die damaligen Scheintoten. Ich versuche mich künstlich jung zu tunen und trage mittlerweile langes, welliges Haar mit Strähnen, die wie Sonnenreflexe aussehen sollen. Ich kaufe die selbe Klamotte, bei einem schwedisches Textilhandels­unternehmen aus Stockholm, wie meine 17 jährige Babysitterin. Es gibt Momente in denen ich Sie gerne fragen würde, ob ich modrig rieche oder eine MILF in Ihren Augen bin. Aber machen wir uns mal nichts vor, nur unter grausamen Verhörmethoden würde ich die Wahrheit erfahren.

39 und man ist kurz davor, dass die Patienten einen ernst nehmen. Zwischen 45 und 50 Jahren hat man ein Alter erreicht, wo man Weisheit allein durch Falten und graue Strähnen ausstrahlt, aber noch nicht sensil und debil dreinschaut. Knapp 5 Jahre also, die meinen zweiten Lebenshöhepunkt darstellen werden. Erfreulicherweise ist man dann auch aus dem Alter raus, wo der Ehemann erwartet dass man gleichzeitig Heimchen, Business Woman und Hure ist. Meine schlecht behandelte Hüftgelenksdysplasie hat noch nie erlaubt, dass ich mich im Tanga von einer Pol Dance Stange hängen lasse. Davon mal abgesehen, gab ich bereits mit Anfang 30 einem warmen Hintern den Vorzug.  Stofffetzen zwischen meinen Pobacken suchen zu müssen war schon immer eine Qual, besonders wenn es mal schnell gehen muss.

Geburtstage lassen einen immer über Vergangenheit und Zukunft nachdenken. Ich beschloss heute mir perspektivisch zu überlegen, was für ein Arzt ich auch dem Höhepunkt meiner beruflichen Laufbahn sein will. Möchte ich der empathisch-mütterliche Typ werden? Jemand bei dem man immer die Praxis mit einem Stapel an Rezepten verlässt. Auf jeden banalen Schnupfen gibt es was abschwellendes, schleimlösendes, entspannendes, fiebersenkendes, abwehrkräfte-stärkendes, antidepressives, schlafanstossendes, durchschlafförderndes, hustenlinderndes.

Oder möchte ich eher der strenge mystisch-wirkende Arzt sein? Mit blütenweiß gestärktem Kittel den Patienten erstmal zurechtweisen. Ihn auf sein Übergewicht, fehlendes körperliches Training, schlechte Ess- und Schlafgewohnheiten und baldigen Tod hinweisen, noch bevor er sagt weswegen er kommt. Nein, eher nicht. Den Kittel muss ich bloß selbst wieder waschen, bügeln und stärken. Seit einer Woche liegt in meinem Bad ein eingeweichter Body. Die explodierte Windel meines Sohnes war Schuld und ich glaube morgen kippe ich diese Ursuppe einfach ins Klo.

Ich glaub zu mir würde der Kumpeltyp gut passen. Fehlende fachliche Kenntnisse einfach mit einem lockerem Spruch übertünchen und dabei dem Patienten vertraulich die Hand auf die Schulter legen, während man ihm milde in die Augen blickt. Wichtig dass dieser dabei sitzt und man selber steht. Da stellt man dann gleich die Rangordnung klar und der Patient ist umso mehr beeindruckt, dass er auserkoren wurde eine solche Nähe aufbauen zu dürfen.

Ich hab ja noch 6 Jahre für den Feinschliff

  1. Aaaahhh….ich habe deinen Geburtstag verpasst….

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