Karin

Vereinbarkeit Teil 2, Blauer Brief an mich

„Vereinbarkeit ist doch blanker Hohn“ wollte ich gerade loswettern, besann mich dann aber auf den Praxisleitfaden zur „kommunikativen Deeskalation“, den ich gerade erst überflogen hatte. Überflogen, weil Deeskalation nun nicht so ganz meins ist. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Was ist den eigentlich mit Vereinbarkeit gemeint? Ist Vereinbarkeit etwas, dass ich mir die ersten Lebensmonate meines Babys gewünscht hätte, als sich mein ganzes Sein nach einer Dusche sehnte, die ich zu Ende führen könnte ohne mit schäumendem Haar aus der Dusche zu stürzen und den primären Bedürfnissen meines Säuglings Folge zu leisten? Oder bedeutet Vereinbarkeit tiefgründige, aber sinnlose Gespräche, bei einem kunstvoll serviertem Latte auf Basis eines Doppio führen zu können, dessen Aroma mir die Sinne raubt?

Immer mehr Mütter bezeichnen sich ganz trendy als Familien-Manager. Das gefällt mir, allein durch die Wortwahl fühle ich mich schon etwas aufgewertet in meinem Tun. Doch nicht nur Mütter haben sich als Manager gefunden, Familien sind mittlerweile kleine Betriebe, die als Zielgruppe für Werbeschaffende sehr interessant geworden sind. War man vorher ALDI Gänger muss man jetzt bei LIDL einkaufen gehen, weil die Kinder die Stickys sammeln und es einem gebieten. Das einzige Firmenmitglied, daß bisher auf Werbung kaum ansprang war die Mutter, der CEO des Kleinunternehmens. Bevor sich einige Mütter eine dringend notwendige Hose gegönnt haben, wurde den Kindern erstmal eine komplett neue Kollektion aller Schleich Pferde gekauft. Aber auch dieses Bild hat sich nunmehr gewandelt und Mütter sind nicht mehr diese selbstlosen Wesen. Nein, es ist mittlerweile gesellschaftlich angesehen gerne wieder früh arbeiten zu gehen und das auch noch gerne. Der Anspruch an Mütter wächst unmerklich und ganz unschuldig sind wir daran nicht.

Würde ich mein Geld mit Werbung verdienen und dieser Personengruppe etwas verkaufen wollen, müsste ich als erstes Bedürfnisse schaffen, die es vorher gar nicht gab. Vereinbarkeit ist ein Wort, dass erst seit einigen Jahren immer wieder aus verschiedenen Ecken zu hören ist. Was man daraus aber hört ist eine Unzufriedenheit. Spätestens da muß ich immer an François Lelord denken und sein Buch „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“. Ein wirklich schönes Buch, nur über eine Stelle bin ich nie hinweggekommen. …“ Und wenn man auf die Weltkarte der Psychiatrie schaute, konnte man sehen, dass es in Ländern wie jenem, wo Hector wohnte, viel mehr Psychiater gab als im Rest der Welt, wo doch wesentlich mehr Leute lebten“. François Lelord stellte also die Theorie auf, dass Menschen in einer Überflußgesellschaft unglücklicher sind, als Menschen, denen es wesentlich schlechter geht.
A. Maslow entwickelte die Bedürfnishierarchie. http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwiki.lsj.de%2Fw%2Fimages%2F2%2F2b%2FMaslow.png&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwiki.lsj.de%2Fw%2Findex.php%3Ftitle%3DBed%25C3%25BCrfnispyramide_nach_Maslow&h=1159&w=1500&tbnid=8naoGijMhCr3iM%3A&docid=NFJ67ot0P1L7mM&ei=JTOaV76gIdCugAawkJYI&tbm=isch&client=firefox-b&iact=rc&uact=3&dur=428&page=1&start=0&ndsp=33&ved=0ahUKEwj-xr63ypbOAhVQF8AKHTCIBQEQMwhiKBUwFQ&bih=929&biw=1859

Dieses Konzept geht davon aus, dass die Bedürfnisse der Menschen hierarchisch aufgebaut sind und stufenweise angestrebt werden. Es gibt zum einen die Defizitbedürfnisse, gefolgt von den Wachstumsbedürfnissen. Zu den Grundbedürfnisse erster Güte gehört essen, schlafen, essen, trinken. Die nächste Stufe sind die Sicherheitsbedürfnisse wie materielle und berufliche Sicherheit und soziale Bedürfnisse wie Freundschaft, Liebe und Gruppenzugehörigkeit. Bis dahin ist es einfach und klar verständlich.

Und dann wird es schwierig und vielleicht liegt hier die Ursache, warum so viele Psychiater in Weltmetropolen wie New York, die meisten depressiven Verstimmungen gemessen an der Anwohnerzahl behandeln müssen. Jetzt kommen wir nämlich zu den Ich-Bedürfnissen. Anerkennung und Geltung sind irgendwas zwischen Defizit- und Wachstumsbedürfnissen. Sie gehören schon teilweise nicht mehr zu den „Must-Haves“ und Dinge wie Selbstverwirklichung sind da schon komplett raus.

Beispiel: Ich habe verhältnismäßig gut geschlafen, gegessen und getrunken, das Kreuz schmerzt nicht, zack Grundbedürfnisse Stufe 1 erfüllt. Der Mann geht arbeiten, ich beziehe Elterngeld und meine Stelle wird nach meiner Elternzeit noch existieren, zack Stufe 2 erreicht. Die sozialen Bedürfnisse kann man zumindestens mittels Gruppenzugehörigkeit in einer PEKIP Gruppe oder wenn das schon nicht möglich ist, in einer Facebook Muttergruppe erreichen. Diese Defizitbedürfnisse werden also meistens befriedigt, so dass man hier quasi nur noch „Produktveredelung“ betreiben kann. Statt schnödes Leitungswasser lieber den oben erwähnten Latte. Das Praktische an den Defizitbedürfnissen ist, dass es eine Begrenzung nach oben gibt. Wer mal versucht hat sich durch ein All-you-can-eat Buffet durchzuschlagen, weiß das. Irgendwann ist man einfach satt, egal ob man sich den Bauch mit Toast oder Steak gefüllt hat, mehr essen als dass man satt ist geht nicht.

Im Gegensatz dazu können die Wachstumsbedürfnisse ad infinitum gesteigert werden. Anerkennung kann ich suchen, unermesslich viel davon finden und immer noch hungrig darum betteln. Ich kann die ganze Welt bereisen und zerfressen werden von dem Neid auf Frauen, die dies zu Fuß gemeistert haben. Diese wiederum könnten sich benachteiligt fühlen, dass die Sherpas kein schreiendes Kleinkind mit blauem Sunblocker auf der Nase den Mount Everest in der Kraxe hochschleppen wollen. Den Wünschen und Bedürfnissen ist kaum eine Grenze gesetzt, solange man über das nötige Kleingeld verfügt.

Es gibt diese Mütter, die um die Welt reisen, für die es immer ein Lebenstraum war und die das entsprechende Kind dazu haben. Wunderbar. Glückwunsch. Ich sehe mir auch gerne die Bilder dazu an, folge dem einen oder anderem Blog und erfreue mich dieser. Mein Wunsch war es nie, ich hatte aber auch nicht die Kinder dazu. Spätestens an der nächsten Ländergrenze würden wir alle schreiend zurückfahren.

Was mich aber ärgert, ist, dass man zu wollen hat. War es nicht schon in der Schule so? Alle Kinder erzählten von der großen weiten Welt, die sie in den Ferien bereisen wollten und einige wenige erzählten kleinlaut über die Bauernhofferien bei Ihren Großeltern. Aber mal ehrlich, die eine Gruppe sass am zweiten Tag mit Brechdurchfall auf tunesischen Toiletten und die anderen Kinder melkten Kühe mit dem Opa. So schlecht? Jemand hat mal was schönes dazu gesagt: Die größten Spießer sind die, die andere Spießer nennen. Das habe ich mir gemerkt und ich versuche sehr die Lebensmodelle anderer Menschen nicht zu werten. Das was jemanden glücklich macht, da will ich mich für ihn mitfreuen. Ich kann mich aber nicht mitfreuen, wenn ich Menschen sehe wie sie ihrem vermeintlichem Glück hinterherrennen und immer 2 Schritte zu langsam sind.

Es ist wichtig, auf seine Grundbedürfnisse zu achten, man muss aber nicht alles erzwingen und unglücklich sein, nur weil einem suggeriert wird dass alles immer noch besser, schneller, höher sein muss. Das gilt für große Dinge wie 3 jährige Rucksack-Weltreisen mit Säuglingen und etlichen Kleinkindern. Das gilt für mittlere Sachen wie im EU Parlament mit Säugling im Tragetuch zu sitzen. Ich finde das wunderbar, wenn es für Mutter und Kind geht. Ich möchte aber nicht, dass das jetzt von jeder Mutter erwartet wird. An den meisten Tagen war ich froh bis abends gefrühstückt zu haben. Bis ins Parlament hätte ich es nie regelmäßig geschafft. Es betrifft die gesamte eigene Anspruchshaltung, wie man sich als Mutter sieht.

FullSizeRender-15

Zum dritten Geburtstag meines Sohnes habe ich bis 3 h nachts kleine Schnecken aus Bisquite Teig gebastelt. Mein Sohn schrie den Kindergarten zusammen, warum ausgerechnet er nicht zu seinem Geburtstag einen 20 min Schoko-Smarties-Kuchen bekommen hat. Das hat mich an das Weihnachts-Phänomen erinnert. Von mehreren Seiten kamen Klagen von Müttern, die jedes Adventskalender-Fensterchen liebevoll gefüllt haben und deren Kinder am 2.12. bereits alle Türen aufgerissen oder vor Aufregung den Kalender kaputt gemacht haben. Ende vom Lied war, dass diesen Kindern der Adventkalender gänzlich weggenommen werden sollte weil sie mit 3 Jahren den Wert der dahinter steckenden Arbeit nicht erkannten. Vielleicht haben unsere Kinder mehr Freude daran, wenn wir nicht alles selber nähen, backen, stricken. Vielleicht sind es die kleinen echten Bedürfnissen, denen wir folgen sollten. Unsere Kinder sind noch nicht in der Maschinerie der Wachstumsbedürfnisse gefangen. Ihnen reichtein Stock, ein Wald und Gummistiefel. Dieses Phänomen wird dann ausgiebig in Mütterforen besprochen und euphorisch berichtet, wie schön das ist. Wir sollten den Blick wieder auf uns richten und auch mal mit den Gummistiefeln den Wald erkunden, statt uns verrückt zu machen dass wir es nicht geschafft haben ein Geburtstags-T-Shirt, die Torte mit Fondont zu backen und gleichzeitig die Welt vor schrecklichen Krankheiten bewahrt zu haben. Das ist nämlich nicht vereinbar.

FullSizeRender-8

Persönlicher Nachtrag:

Wahrscheinlich bringt dieser Beitrag gleich dreitausend empörte Mütter vor, die mich wüst der Blasphemie beschimpfen. Was soll ich sagen? Ich durfte miterleben, wie mein ehemaliger Chefarzt zu einer Kollegin sagte, dass Sie selber schuld ist nie diese Ausbildung zu bekommen, da Sie Kinder wollte. Ich habe miterlebt, wie eine Freundin beim ersten Kind eine Hierarchiestufe runterkletterte und beim zweiten gleich zwei. Für das Dritte gäbe es wohl keine Position mehr in Ihrer Branche. Ich arbeite nur halbtags und bekomme deswegen auch keinen Ganztagsplatz in der Kita. Niemanden interessiert, dass ich im Schichtdienst arbeite und nicht um 12 h das Stethoskop an den Haken hängen kann,wenn Familienangehörige sich Sorgen machen. Ich überlege derzeit sehr genau, wie hoch der Preis für welche weiteren beruflichen Ziele wären und ob sie das wert sind.

Dennoch bin ich beim Schreiben auf den Gedanken gekommen, mein Leben noch mehr zu entschleunigen als ich eh schon damit begonnen habe. Ich bin aus dem pulsierendem Berlin in den Speckgürtel gezogen und bereue es jeden zweiten Tag und vermisse meinen schnellen Latte to go und meine hippen Mutti Freunde. Die anderen Tage freue ich mich über die strahlenden Gesichter meiner Kinder, wenn wir Regenwurmrennen im Garten spielen oder ich mit schwerem Gerät dem hüfthohem Rasen zu Leibe rücke. Der Schritt nach dem Beat meiner Kinder zu leben, ist noch nicht vollbracht. Es fehlt noch das Ja-Bekenntnis. Ich weiß aber, dass viele meiner Bedürfnisse gar nicht meine sind sondern mir untergejubelt wurden. An Tagen, an denen ich meinen Mann verfluche nicht Millionen auf dem Konto zu haben, um eine Stadtvilla in Berlin zu kaufen, hole ich ein innerliches Bild in mir hervor. Ich stehe bei einer großen Supermarktkette vor dem Regal mit Joghurt. Überall Jogurt, wohin das Auge nur blickt Jogurt. Und ich weiß ganz genau, wenn ich 2 mit nach Hause nehmen…es werden die falschen Sorten sein….ich werde zu Hause den Jogurt in der Hand halten und mich ärgern, dass ich doch nicht den anderen mitgenommen habe. Und dann kommt das andere Bild. Ich stehe bei einem kleinem Tante Emma Laden. Dort gibt es 3 Jogurt Sorten. 3 verschiedene, nicht mehr nicht weniger. Einer Pur, der andere was mit Obstgeschmack, der letzte was mit Aroma z.b. Vanille. Ich werde einen mitnehmen und mich zu Hause über den Jogurt freuen. Vielleicht bin ich ein glücklicherer Mensch, wenn ich nicht das Gefühl habe so viel zu können, dürfen, müssen, sich zu vergleichen, erreichen.
#Vereinbarkeit #Mütterbashing #Perfektionismus #Burnout #LebenimSpeckgürtel #Entschleunigen.

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: