Karin Kind

Von Pillen und Pülverchen

Danke liebe Pharmama, dass Du mit Deiner Empfehlung derart viele Deiner Leser vorbeigeschickt hast. Einige sind sogar hier geblieben. Dir und Ihnen möchte ich meinen nächsten Beitrag widmen.

Vor wenigen Tagen habe ich auf Deinem Blog von „Metoprolol -mit Problemen“ gelesen und dachte gleich an meine Babymilchpulver-Geschichte.

Mein alter Chefarzt hat mir mal versucht zu erklären, wie und warum die Chinesen damals die Babymilch gestreckt haben und so viele Kinder krank geworden sind. Leider meinte er das während einer Reanimation tun zu müssen, so dass ich gerade nicht den Kopf frei hatte, um auf seinen sonoren Bariton zu hören. Dass es da mal ein Problem gab, wurde mir Jahre später erst wieder in Erinnerung gerufen, als ich vor leeren Regalen einer Drogeriekette stand. Ja, ja, jetzt kommen die ersten Einwände. Milchpulver? Teufelszeug. Warum hast Du nicht lieber gestillt, bis es Deinem Sohn peinlich wurde und er sich mit 18 selbst abgestillt hat? Milch gehört den Kühen und nicht den Menschen. Ja richtig, ihre Haut und ihr schmackhafter Musculus deltoideus dann bitte sehr auch. Aber ich schweife ab.

Jahre später erzählte mir jedenfalls eine Drogeriefachangestellte von DEN Chinesen. Es ging dabei weder um Mädchen-, noch um opiumhandelnde Asiaten. Es ging um banales Milchpulver und ich vermutete damals, dass die Dame zu tief und zu regelmäßig ins Kölschwasser gucken würde. Da mir dann aber bald alle Freunde, Bekannte und die Presse von den milchpulverraubenden Asien-Banden berichteten, musste dann aber doch was dran sein. Nur warum „mein“ Milchpulver? Also mein Hersteller? Bis auf Aptamil und Beba waren die Regale komischerweise voll. Bedauerlicherweise lesen DIESE Chinesen  wohl weder Stiftung Warentest noch Ökotest, sie hätten sich sonst gegen die zwei Milchpulverhersteller entschieden. Ich hatte auch auf das falsche Pferd gesetzt und mich ebenso von der Logik „deutsches Produkt“ leiten lassen. Spätestens seit der VW Affäre sollte dem Letzten klar sein, dass da ein Image verkauft wird, die Illusion von Qualität. Mehr nicht. Aber wieder auf Anfang. Erneutes Abschweifen.

Ich stand also vor den leeren Regalen und statt das Baby an die Eigenmarke der Drogeriekette umzugewöhnen, legte ich mehr Wert auf kolikfreie und ruhige Nächte. Der Preis war allerdings eine Odyssee durch alle Filialen derselbigen Kette. Die Suche blieb erfolglos, so dass auch kinderlose Freunde akquiriert werden mussten, sich noch schnell den neusten und besten Mascara heute Nacht kaufen zu müssen. Morgen wäre der bestimmt schon ausverkauft und ach ja, wo sie doch schon mal da sind…. Egal, brachte auch nichts. Wildfremden Menschen in Mütterforen tropfte die Brust vor lauter Mitleid mit meinem Baby, so dass an Spendermuttermilch leichter ranzukommen gewesen wäre als an diese fade Milchtrockenmasse.

Von irgendwoher kam dann der heiße Tipp, den Hersteller anzurufen. Die hätten so Geheimzugänge und -vorräte. Quasi ein exklusiver Club, für die, die hartnäckig genug sind und dem Hersteller zeigen, wie sehr sie nur ihn wollen. Kein Gott neben dem einem, dem einzig Wahren. Nach einer kurzen telefonischen Befragung kamen dramatische Geschichten von brennenden Werken; Mitarbeitern, die bis zur Erschöpfung Sonderschichten schieben; gierigen asiatischen Schmugglern, die vor Drogeriemärkten zu acht in Kleinbussen sitzen, warten und auf ihrer goldenen Rolex minütlich überprüfen, wann die Tore öffnen – aber ich erhielt die heiligen Zugangsdaten. Ich war jetzt Mitglied und hatte für immer ausgesorgt und DEN Chinesen überrundet. *Schulterklopfer*

Beim zweiten Kind stand ich wieder vor leeren Regalen und dachte an meinen Chef. Verdammt, hätte ich damals lieber zugehört. Egal, erstmal keine Zeit verlieren und schlauer sein als DER chinesische Gauner. Die gebratenen Nudeln und Hühnchen süß-sauer schmeckten, seitdem ich das erste Mal von ihm gehört hatte, auch nicht mehr so gut. Diesmal schenkte ich mir den Umweg über 35678 Filialen und landete recht schnell bei der Hotline. Dort stellte ich überrascht fest, dass die selbe Mitarbeiterin seit Jahren Telefondienst schiebt. Schon wieder die Geschichte mit dem brennenden Werk. Oder brennt es regelmäßig? Oder bauen die das Gebäude einfach nicht nach? Und was sagt das über DEN Chinesen? DER Stand nun jahrelang unter Generalverdacht und hat ganz gut die Lücke DES Russen füllen können. Wohin mit meiner Wut?

Also gedanklich wieder zurück zu meinem Chef. Ich bemühte also das Internet, um zu lesen, was er wohl gemeint haben könnte. Ich fand, dass jahrelang Milchpulver mit Kunststoffvorprodukten gestreckt wurde und 300.000 Babys erkrankten, 6 sogar an Nierenversagen starben. Als Mutter mit Geld, denn das braucht man um an deutsches Milchpulver ranzukommen, da die Packung Aptamil zu 800 gr mit 60€ gehandelt wird, würde ich es auch tun. Die Verlierer sind auf beiden Seiten schnell ausgemacht. Die chinesische Mutter und ihr Baby auf der einen Seite und ich und mein Baby auf der anderen Seite. Man könnte jetzt stundenlang darüber philosophieren, dass es dem chinesischen Baby ohne freien Zugang zu bedenkenlos guter Milch schlechter geht als meinem. Der Eine würde mich und meinen ausdrücklichen Wunsch nach genau dieser Milch anmaßend finden. Ein Anderer würde meinen, dass für den deutsche Markt hergestellte Milch erstmal den Deutschen gehört. Man könnte diese Diskussion auch einfach sein lassen und sich auf das Wesentliche konzentrieren: Sind die Gewinner dann DIE Chinesen mit der goldenen Rolex? Oder was hat es auf sich mit diesem ominösen ewig brennenden Werk? Gibt es vielmehr noch ganz andere Gewinner?

Letztens war ich in in einer Apotheke in Berlin und dachte, ich hole schnell das rezeptierte Flutide für’s Baby. Dachte ich, denn plötzlich wurde die Apothekerin ganz leise und geheimnisvoll. Sie erzählte was von Vorräten, schwer ranzukommen, Asiaten …

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