Kittel

Eine Hose für alle

Ich bin ein schnell denkender Mensch und trotzdem ist meine Zunge oftmals noch schneller. Rasend schnell. So schnell, dass ich manchmal irgendwo gemütlich sitze und erschrocken beobachten kann, was ich da gerade von mir gebe. Dann kommt die Schockstarre und schnell daraufhin der Wunsch, mich unter einem großen Stein zu verstecken. Manchmal hoffe ich auch, dass es glaubwürdig klingen würde, wenn ich einfach behaupten würde, jemand anderes hätte das gesagt. Bei Kindern funktioniert das ja auch. „Hast Du Leon gerade mit Sand gefüttert?“ „Nein, das hat er selbst gemacht.“ ? Wirklich ? „Na gut.“

Wenn man ein Kind bekommt, sind befriedigende Gespräche über weltpolitisches Geschehen oder fachliche Diskurse erstmal passé. Niemand redet mit einem. Man redet stundenlang auf den Säugling ein und bekommt höchstens ein zufriedenes Glucksen. Bis zum vollwertigen Streitpartner vergehen aber noch ein paar Jahre. Ist er dann ein Pubertier, sind so viele Jahre ins Land gezogen, dass man die Fähigkeit der gut geführten Debatte verloren hat und dem Teenager einfach argumentativ unterlegen ist. „Du brauchst mein Auto?“ „Aber ich muss doch zur Arbeit“ „Ach so, ja klar. Willst Du noch Geld?“.

Den Einen schmerzt das mehr, den Anderen weniger. Ich habe 50.000 Worte pro Tag, die ich loswerden muss. Für meinen Beruf eine hervorragende Eigenschaft, da Patienten gerne smalltalken. In der Säuglingsphase für meinen Mann eine Katastrophe. Binnen 1-2 Stunden muss er abends alle herrenlosen Worte stoisch ertragen. Werde ich meine Worte nicht los, explodieren sie halt in ungünstigen Situationen aus mir heraus, ähnlich brisant wie eine Kohlsuppendiät vor einem wichtigen Termin.

Und da wären wir beim zweiten Problem. Schwierige Familiäre Verhältnisse. Wenn nun zwei analytisch denkende Menschen Kinder bekommen und deren Eltern und Schwiegereltern alles um das Thema „Kinder“ wissen und in Stein gemeißelt haben, muss man sich als Anfänger-Eltern belesen, um sich und das eigene Gefühl verteidigen zu können. Man sammelt in kurzer Zeit relativ viel Information. Je aufdringlicher die Familie, desto größer das Wissen. Ich denke, es ist ein direkt überproportionales Verhältnis. Gut gut, manchmal verselbstständigt es sich auch.

Es trifft also eine persönliche Schwäche des Wortreichtums oder auch Logorrhoe genannt auf Überlebensstrategien. Die Mischung ist explosiv. Es erzählt also eine Mutter, dass ihr Kind immer noch nachts die Milchflasche bekommt und ihr Kinderarzt ihr ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Häufige zu beobachtende Reaktion anderer Mütter: der Arzt hat keine Ahnung, hat selber keine Kinder, die Tochter der Bäckerin, ihre Babysitterin hat bis sie 18 war gestillt usw. usw. und trotzdem kein Karies. Ja, liebe Mit-Mütter, das ist ein feiner Zug von Euch. Aber mal Butter bei de Fische, die Tochter der Bäckerin usw. ist halt keine Studie. Und ja, jeder hat einen entfernten Verwandten, der 80 Zigaretten am Tag raucht, 95 ist und sich bester Gesundheit erfreut. Das freut mich für den Mann und ich würde ihm dringend dazu raten, jetzt bloß nicht die Marke zu wechseln. Dennoch sind wir uns einig, dass rauchen nunmal nicht gesundheitsfördernd ist.

Wie bringt man denn aber in einem solchem Gespräch ein paar Wahrheiten unter, ohne dass man mit vollen Windeln beworfen wird? Ganz klar, „wertschätzende Kommunikation“ würde jeder Psychologe/Psychiater sagen.

Hier ein Beispiel:

1. Beobachten ohne Beurteilen.

Bei glühenden Saharawinden und einem UV-Index von 10 cremst du das Baby mit Kokosöl als Sonnenschutz ein.

2. Bedürfnisse erkennen.

Du möchtest, dass dein Baby frei von der Pharma- und Kosmetikmafia ganz natürlich aufwächst. Aha, ok. ( aha, könnte negativ verstanden werden und wird durch das ok aber gleich positiv,neutral belegt).

3. klare Bitte formulieren

Ich möchte, dass du Dich bitte mit dem Empfehlungen der deutschen Krebsgesellschaft auseinandersetzt und weniger Zeit in Deiner Frauen-Trommelgruppe verbringst, die nackt mit wehenden Batiktüchern den Kokosöl-Gott anbetet. Aha, ok. Haste verstanden

Trotz richtiger Anwendung einer wertschätzenden Kommunikation kann man froh sein, wenn man lebend aus so einem Gespräch wieder raus kommt. Ähnlich ist es, wenn man mit 48.000 Worten völlig sachlich versucht zu erklären, dass die Hautkrebsrate jährlich steigt und erschreckenderweise immer mehr Kinder betroffen sind, Kokosöl aber nur einen UV- Schutz von 2 hat; ähnlich wie bei Palmin und anderen Bratfetten ist zwar eine schöne Kruste zu erwarten, aber nicht der erhoffte Sonnenschutz. Diese Tatsachenbeschreibung bedeutet nicht, dass ich mit meinem UV-Schutzzelt von Kind zu Kind in der Sandkiste wackele, um es vor seinen fahrlässigen Eltern zu schützen. Jeder sollte seine Entscheidung treffen, aber bitte auf Grund von Wahrheiten nicht aufgrund von einzelner Erfahrungswerte  : „haben meine Eltern früher auch mit mir gemacht, hat mir nicht geschadet „.

Medizinische Erkenntnisse, Studien, Empfehlungen dienen nicht dem Aufruf zur Uniformität. Meine Hose passt halt zu mir und der nächste fühlt sich einfach in einem anderem Modell viel wohler. Wenn die Hose nun aber rutscht, ist sie dann zu groß oder zu klein? Ich weiß es nicht. Sicher ist, daß sie nicht passt.

Seid also gnädig mit Müttern, die einfach zu viel lesen und das gerne mit Euch teilen. Erstens haben sie vielleicht nervige Eltern/Schwiegereltern. Zweitens versuchen sie vielleicht Ehen und Freundschaften zu retten, indem sie ihre 50.000 Worte auf allen Schultern verteilen.
Anmerkung: Danke J. von meinem Mann. Paartherapie fällt diese Woche aus, dafür weißt du nun alles über bindungsgestörte Erwachsene durch „Jedes Kind kann schlafen lernen“.

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