Karin Kind

Brief an meine Kinder

Heute auf den Tag genau seid Ihr seit einem Jahr ein „Wir“. Ein „Ihr“, Geschwister, Brüder.

Es werden Situationen kommen, in denen Ihr beide gelegentlich einen Groll auf uns hegen werdet. Der eine kämpft mit der Entthronung des Erstgeborenen und der andere, dass es alles schon mal gab. Dein Body, Deine Hose, Dein Spielzeug, alles wurde für Deinen Bruder liebevoll ausgesucht und nur weniges konnten wir noch komplettieren, weil einfach schon alles da war. Aber das soll Dich nicht grämen, denn alles, was Du nutzt, wurde durch Deinen Bruder getestet und bei einigen Dingen hätte er sich wohl gewünscht, dass der Kelch an ihm vobeigegangen wäre. Dein Bruder wurde mit wenigen Monaten in winzig kleine Angorajäckchen gesteckt, die eigentlich nur für sitzende Puppen gedacht waren. Wohin mit diesen Kapuzen und wie es bewerkstelligen, dass die wunderschönen Knöpfe nicht am Bauch drücken, wenn doch gerade diese Lage der nächste gefeierte Meilenstein war? Wie ein kleiner großer Junge sah Dein Bruder im selben Alter aus, in dem Du in Ganzkörperbodys durch die Gegend robbtest und Dich und Deinen Körper feiertest. Es quälte ihn manche Kollik, weil der Knopf einer hippen Skinny Jeans im Weg war. Auch mußte er manche Kehrtwende einer ausgeklügelten Erziehungsstrategie stoisch zur Kenntnis nehmen, weil Eure Eltern ihren Stil erst durch ausprobieren fanden. Bei Dir konnten wir auf etwas Erfahrung zurückblicken und waren uns treu. Wir mussten erst begreifen, dass Attachment Parenting nicht Langzeitstillen, Familienbett und Selbstaufgabe der Eltern bedeutet. Wir fanden erst mit der Zeit heraus, dass alle in einer Familie ein Anrecht auf Ihre Bedürfnisse haben. Das machte uns alle, uns als Eltern, uns als Paar, uns als Familie glücklicher und ausgeglichener.

Wasser auf die Mühlen des Erstgebornenen? Mitnichten. Es gibt für alles immer nur einmal das erste Mal. Das Wunder Deiner ersten Schritte, es war etwas unfassbares, unmögliches, unbegreifliches. Jede Bewegung, jede Veränderung Deines Wesens, jeden Tag an dem Du mehr zu einer Persönlichkeit wurdest feierten wir, als wenn es kein Morgen mehr gegeben hätte. Von den ersten Stunden Deines Lebens gibt es eine dreistellige Zahl an Fotos. Bei Deinem Bruder war das nicht mehr so, nicht dass wir nicht gewollt hätten. Aber vieles ist dem Pragmatismus gewichen. Es war uns schlichtweg nicht möglich. Du warst 2,5 Jahre, als Dein Bruder geboren wurde. Ein Alter, wo jeder Tag voller Überraschungen ist. Ein wunderbares Alter. Jede Deiner neuen Fertigkeiten stand gleichwertig zu den Eindrücken, die Dein Bruder auf uns machte. Aber Du konntest schon mit uns sprechen und uns in Deine Welt einladen. Dein Bruder zog uns mit seinen Blicken und Bedürfnissen in seine Welt. Er mußte oftmals „mitlaufen“. Er konnte sich nicht mitteilen, dass er gerne einen Tag zu Hause geblieben wäre, um mal nichts zu machen. Du hingegegen hattest Bedürfnisse, wolltest die Welt mit einem Fahrrad erobern, Dich gegen Jungs beim Fußball behaupten und endlich schwimmen lernen und wer hätte sich Deinem Charme und Willen entziehen können?

Du bist also wirklich „nur“ der Zweitgeborene? Nein, Du hast die ganzen Unternehmungen Deines Bruders als Tragling verfolgt. Die ersten Monate Deines Lebens wusstest Du wahrscheinlich gar nicht, dass Du schon geboren bist, denn Du warst in eine kleine Höhle eingekuschelt, direkt am Körper Deiner Eltern. Dein Bruder nannte Dich liebevoll Känguruhbaby und bat immer wieder, auch einmal getragen zu werden. Man sah ihm das Bedürfnis an, seinen Eltern ebenso nah sein zu können. Dies stand aber in direkter Konkurrenz zum Bedürfnis, sich von ihnen zu entfernen und das eigene Ich zu entdecken. Der Mensch ist ein Tragling, Dein Bruder war es nicht. Vieles was ich mir für ihn und mich gewünscht hätte, war einfach nicht möglich. Du hast es mir gegeben und warst mein „Therapiekind“. Als Erst-Kind-Mutter denkt man, wenn etwas nicht funktioniert, dass man nicht funktioniert. Da halfen auch bloße Theorie und Sachverstand nicht. Ich musste es erstmal fühlen und erleben, dass jeder Mensch als eine Persönlichkeit geboren wird. Dein Bruder brauchte kein Schlaflernbuch, der schlief ein und durch, einfach so. Warum weiß ich auch nicht. Bei Dir hätte das erprobteste Buch nichts geholfen, auch wenn wir alles so wie bei ihm gemacht haben. Du hast mich mit vielen Dingen versöhnt, die bei Deinem Bruder nicht möglich waren und er zeigte mir, dass Deine Eigenarten Deine sind.

Mein Großer, um Dich mache ich mir viele Gedanken. Denn alles, was Du tust, ist halt Dein erstes Mal und unser erstes Mal. Ich frage mich, ob Du glücklich bist, ob Du genug Aufmerksamkeit bekommst, ob Du immer weißt, dass es nur einmal den Erstgeborenen gibt. Gedanken, die ich mir bei Deinem Bruder nicht mehr machen muß, er profitiert von Dir, weniger von uns. Er sieht Dich mit großen Augen eines bewundernden Bruders an. Für ihn bist Du seine Welt.

Viel mehr möchte ich Euch dazu auch nicht mehr schreiben. Jeder ist zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge zu uns gekommen. Es ist wie ein Balancierspiel, wo das erste Teil das tragende Teil ist und alle anderen Teile aufeinander aufbauen und nur in dieser Form zueinander finden. Beim ersten Kind fragt man sich, ob man jemals für ein weiteres Kind derart viel Liebe empfinden kann. Liebe ist doch nicht unerschöpflich. Gefühlt war sie doch schon beim Maximum und ich muss sagen, dass der Spruch „man liebt genauso viel, nur anders“ stimmt. Ich werde das nicht erklären können, denn den Satz habe ich erst verstanden, als ich ihn erlebt habe. Vielleicht werdet Ihr Eure Eltern auch gleichwertig lieben, wie wir Euch lieben. Wenn wir als Eltern also unfassbar viel Glück haben, werdet Ihr Euren Vater anders lieben als mich, aber genauso viel. Wenn dem so sein sollte, stellt Euch doch vor, dass wir das genauso tun.

In Liebe, Eure Mom

Anmerkung: Danke liebes Skizzenmonster, dass Du unsere Familienpuzzel nach meiner Idee umsetzten konntest. Du hast meinen Worten ein Bild gegeben.

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