Karin Kind Kittel

Die Eine

Besorgt beugte sich mein Großvater zu mir runter und sprach mit strengen Ton folgende Worte: „Meine Liebe Karin, dass Du immer noch nicht verheiratet bist liegt daran, dass Du Deinen Kopf durchsetzten musstest und unbedingt studieren wolltest.“

Ich möchte mal sagen, dass ich im Laufe der letzten Jahrzehnte viele solcher Kommentare gehört habe. Jeder hatte so seine eigene Logik, wie die meines ehemaligen Chefarztes, der einzig die Anästhesie für Frauen als vertretbare Fachrichtung hielt. Wahrscheinlich hatte er das Bild einer hochgewachsenen schlanken Blondine im Kopf, die im Takt des Herzmonitors die Seiten der Gala umblättert. Einzig für einen Herzalarm würde diese den dampfenden Kaffee auf dem Beatmungsgerät kurz abstellen, um schnell zwei, drei Einstellungen zu ändern.

Als ich vor Jahren nach Berlin kam, war mir der Ton so grob, dass ich als erste Amtshandlung zum Friseur ging, mit der Bitte, älter, seriöser und strenger auszusehen. Das recht lange, wallende Haar wich also einem Kurzhaar-Bob, der streng platt geföhnt wurde. Nach dem Farbwechsel auf schwärzestes Schwarz, sah ich mir gar nicht mehr ähnlich sondern irgendwas zwischen Domina und der Schwester von Fräulein Rottenmeier.

Wenn ich heute Frauen in der Medizin begegne sehe, schaue ich zwei Mal hin. Ich lasse mich nicht von einer wirren Frisur und blassem Teint täuschen, auch und vor allem nicht, wenn ihr männlicher Kollege mit sonnengebräunter Haut und Fönfrisur alle Aufmerksamkeit im Raum auf sich zieht. Ich schaue auf die Hose und entdecke bisweilen mal einen Breifleck oder ich folge der feinen Sandspur, die aus der Umschlagfalte ihrer Hose rieselt und ich erkenne eine Mutter.

Das wäre ja erstmal nicht verwundernswert, da es ja Mütter hier und da gibt. Eine Mutter in einem Krankenhaus ist aber eher wie ein legendäres Pokémon. Richtig gelesen, kein seltenes, sondern ein legendäres Pokémon.

Grund hierfür sind einfach mal die Umstände. In den letzten Jahren nahm die Zahl der Medizin studierenden Frauen rasant zu. Den Chefärzten dieser Welt ist das noch gar nicht so richtig bewusst geworden. Sie setzten häufig noch auf den Faktor „the fittest survive“ und spätestens bei Kindern wird es als Ärztin einfach mal schwierig.

Die üblichen Forderungen der letzten Jahre zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann man getrost überspringen. Vorschläge, die Patienten mit nach Hause nehmen, um im Homeoffice ein fieberndes Kind zu versorgen und einen zentralvenösen Katheter im Büro zu legen, scheiterten bisher am Veto der Patientenvereinigung. Eine Stationsvisite per Videokonferenz wird schlechtenstenfalls durch einen Reanimationsalarm unterbrochen , so dass man es wieder ins Krankenhaus muß. Von Seiten der Pflege wird es noch absurder, außer man würde immer einen schwerkranken neben einen fitten Patienten legen. Der eine könnte dann Anweisungen zu Waschungen und Verbandswechsel in Echtzeit bekommen. Aber das sind eher so visionäre Gedanken.

Krankenhäuser haben viele äußere Umstände, die eigentlich nur für Singels mit Arbeitssucht ein natürliches Biotop bieten. Nachtdienste, 3 von 4 Wochenenden in der Klinik, als Weihnachtsengel über die Station schweben, während man den Kindern am Telefon ein frohes Fest wünscht, ist so der übliche Preis.

Ich habe übrigens wieder lange Haare. Für viele ist medizinische Kompetenz erkennbar am Alter des Arztes und anhand seines hierarchischen Rangs und Geschlechts. Da hilft auch keine Frisur. Wer eine Raupe sieht, der sieht eine Raupe und ist nicht in der Lage den innewohnenden Schmetterling auch nur zu erahnen.

Wenn Sie das nächste Mal eine Frau im gestandenem Alter in der Klink sehen, sei es Pflege oder Ärztin, schenken Sie ihr doch ein Lächeln. Sie wird das, was Sie macht, mit besonderer Sorgfalt machen und dennoch immer wieder an ihrem eigenem Anspruch scheitern. Sie wird nicht so sexy wirken wie McDreamy, aber wahrscheinlich liebt sie das was sie tut so sehr, dass sie es trotzdem macht. Es kommt dann auch vor, dass Sie kränkliche Kinder und einen Mann mit Männerschnupfen zu Hause versorgt und sich dennoch die Zeit nimmt, um sich an Ihr Bett zu setzten, damit Sie nochmal genau von Anfang an erzählen können, was Sie hierher führte. Seien Sie dann nicht vergrämt, wenn sie heimlich auf ihre Uhr schaut und an das letzte Gespräch mit der Kitaleitung denkt, die ihr mit Kündigung drohte, wenn das Kind wieder mal nicht rechtzeitig abgeholt wurde. Nehmen Sie sich dann ein Herz, nicken Sie ihr zu und sagen Sie ihr, dass das auch bestimmt noch morgen geht.

Anmerkung: dieser Text ist einer Krankenschwester und angehenden Ärztin gewidmet, einer dreifachen Mutter; einer Frau, die jetzt selber Hilfe braucht. Die habe ich nicht. Ich wünschte ich hätte diese Wunderpille. Ich habe nur Worte, die ich Dir und den Deinen schenken kann.

Liebe Dorothee, Du hast geschrieben dass niemand an Deine Schwäche denken soll, wenn er Deinen Namen liest. Niemand soll an Deine Krankheit denken, denn Du wärest mehr. Man soll lieber an ein lustiges oder schlaues Kommentar denken, dass Du mal geschrieben hast. Dies ist Dir gewidmet, denn Du bist Mutter und Ärztin. Damit wäre alles gesagt.

  1. Liebe Dorothee,

    Ich denke an dich.

    Marlen

  2. Es ist so eine furchtbare Ungerechtigkeit, dass das gerade passiert. Es nimmt mir den Atem. Ich weiss, dass eine Familie das überstehen wird, aber gleichzeitig bin ich traurig, wütend, sprachlos.

  3. Dorothee, die Sonnenaufgänge morgens beim Blick aus meinem Bad gehören Dir. Das weißt Du. Du bist eine kluge, tolle Frau und wunderbare Mama – und denke ich an Dich denke ich immer tolle Austäusche und daran, dass das Putzen vom Bad noch warten kann ❤

  4. Auch wenn die Flamme irgendwann erlischt, im Herzen und den Sternen scheint dein Licht immer weiter. ☄????????❤

  5. Esther, meine liebe Esther ❤️????????

  6. Sehr schön geschrieben. Ich hab am Ende eine Träne verdrückt, bis mein Kleiner an mir hochgekrabbelt ist und mir in die Nase gebissen hat! Wir haben so ein wahnsinniges Glück und in solchen Momenten wird es einem erst bewusst. Ich möchte Dorothee so gerne ein großes Stück abgeben davon! Ich kenne sie nicht persönlich, aber wir haben soviel gemeinsam – Studium, 3 Kinder. Es ist einfach nicht fair, für keinen!

    Übrigens: Wir sind sicher auch bessere Ärzte durch unsere Kinder. Da erlangt man plötzlich viel mehr Empathie und auch das berühmte Bauchgefühl wird treffender. Kompetenz ist nicht immer nur Wissen. Und seit meine Elsa bei mir ist, ist mir auch wurscht, was mein Chef oder ein Patient Müller oder gar mein Vater ( wollte immer, dass ich Oberärztin werde ????) von mir denken – was meine Kids von mir halten, ist doch viel wichtiger. Und dass erleichtert soviel im Job, hat mich zu einer ehrlicheren, geraden Frau gemacht, und meistens sind damit alle zufrieden ????

    Dorothee, kämpfe wie nur eine Ärtzin und vor allem wie nur eine Mutter es kann!

  7. Just when the caterpillar thought the world was over, she became a butterfly.

    Liebe Dorothee,

    Du verdienst meinen allergrößten Respekt.
    Ich denke an Dich und Deine Lieben.

    Fühl Dich gedrückt.

    Kathrin

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