Karin

Auf gute Nachbarschaft

Schwer zu überhören oder zu übersehen, heute ist Tag der Deutschen Einheit. Das Fernsehen ist voll von protestierenden Mitbürgern. Die Sprechchöre musste ich auf stumm schalten, da ich hier mal ganz andere Probleme habe als deren Befindlichkeiten.

Seit 2 Stunden schleiche ich nämlich mit diesem verdammten Apfel durch unser großzügiges Anwesen und finde doch keinen geeigneten Aufbewahrungsort für ihn.
„Äpfel sollten Sie nie mit anderem Obst oder Gemüse lagern…“, so stand es in dem beigelegtem Prospekt unserer Biokiste. Grund hierfür ist ein farb- und geruchloses Gas mit dem unschuldigen Namen Ethylen. Viele Obstsorten geben Ethylen von sich, welches anderes „leicht manipulierbares“ Obst rasch braun und unansehnlich werden lässt.

So eine rotbäckige Apfelfrucht lockt uns mit seinen inneren Werten und ehe man sich versieht, hat er seinen Weg in den Einkaufswagen gefunden. Ein Einziger reicht schon, um letzten Endes vor der unlösbaren Aufgabe zu stehen: wohin mit ihm und seinen Befindlichkeiten?

Ein Apfel produziert schon Ethylen, da hat er noch nicht mal anderes Obst gesehen. Er bräuchte es also gar nicht abzusondern, da z.B. eine Ananas für gewöhnlich gar nicht neben einem Apfelbaum wächst. Das erklär‘ mal aber einem Apfel, der übergeht solche Fakten, da diese nicht seinem Gefühl entsprechen.

Der Apfel hasst nämlich anderes Obst. Einfach so. Vorwiegend hat er es auf die Exoten abgesehen, wobei so ein Pfirsich eigentlich nichts anderes als ein behaarter Apfel ist und somit äußerlich kaum zu unterschieden. Unsere liebste Paradiesfrucht ist nun aber kein kämpferisches Wesen, wie eine fleischfressende Pflanze. Als heimische Frucht aus dem Lande der Dichter und Denker, bedient er sich anderer Früchte. Er nutzt das Ethylen gegen andere, die rasch ihr braunes Wesen sichtbar nach außen tragen, während er selber noch schön rotbackig den Schein wahrt.

Einen Apfel darf man nie mit anderem ethylensensiblem Obst allein lassen. Eine bis dahin zufriedene Banane lässt sich durch den kalten Atem der Intoleranz anstecken und bekommt plötzlich hier und da mal einen braunen Tupfer. Dabei bleibt es aber nicht. Ist die Banane infiziert, bleibt nur noch sie schnell zu essen, anderweitig produziert diese selber wie wild das Reifegas und binnen weniger Stunden hat man eine Obstschalen-Pandemie. Gutes Zureden über Toleranz, die Welt ist ein wunderbarer Obstsalat, beenden niemals den Reifeprozess. Eine gegärte Banane kann keiner mehr retten. Der, der es versucht und sie liebevoll mittels Integrations- und Antiagressionsprogrammen in einen Milchshake holt, wird sich einzig einen verdorbenen Magen holen und sehr unter ihr leiden. Wer also meint, dass eine Banane schon keinen Schaden anrichtet und fast jede mal hier und mal da eine braune Stelle aufweist, der irrt. Durch den Reifegrad produziert diese nun Massen an Ethylen und andere bis dahin unbescholtene Früchte reifen nach. Langsamer als die Banane, denn diese ist extrem ethylensensibel, aber sie reifen langsam fast unmerklich nach, bis es zu spät ist. Daher: Null Toleranz!

Kernobst, Steinobst, Beerenobst, Zitrusfrüchte, exotische Früchte, irgendwie wollen die alle nicht miteinander. Es scheint immer eine Frucht zu geben, die noch schwächer ist als die eigene Sorte.
Es ist ja nicht so, dass die Avocado der Aprikose irgendwas wegnehmen würde. Eine Avocado ergibt eine wunderbare Guacamole und ist ein Gaumenschmaus in einem Salat. Eine Aprikose wird nie eine Guacamole. Das kann Sie einfach nicht, wer würde aber nicht alles stehen und liegen lassen für eine Aprikosen-Mandel-Tarte?

Wie kann ich also meinem Obstkorb verständlich machen, dass hier keiner zu kurz kommt oder auf dem Kompost landet, nur weil ein anderer Exot diesen neu bereichert? Seitdem ich Mangos kaufe, die meine Kinder so sehr lieben, haben dennoch die Äpfel ihren Platz nicht verloren. Sie mussten etwas zusammenrücken, aber Platz haben bei mir alle.

Unter dem einheimischen Obst gibt es auch die Ethylen-Robusten. Das Berenobst ist nahezu immun gegenüber Ethylen. Ich war schon am überlegen, mit Heidelbeeren eine Mauer der Toleranz zu bauen, aber das Apfelgas liegt einfach in der Luft. Der Apfel muss die Mango und die Banane gar nicht sehen, um diese zu verderben. Die bloße Ahnung einer nachbarschaftlichen Beziehungen regt die Ethylenproduktion an.

Was wäre die Welt einfach, wenn nur der Apfel schuld wäre. Immerhin gibt es dafür ja genügend geschichtliche Nachweise: Adam und Eva, Schneewittchen, nur um Beispiele zu nennen. So ist es aber nicht, Steinobst will am liebsten in den Kühlschrank, die Exoten aber auf keinen Fall, der Kokosnuss ist alles egal. In so einem bunten Obstkorb scheint es immer 1-2 Verlierer zu geben, die unter der Unterbringung mit den anderen regelrecht zugrunde gehen. Die Lauten und Starken würden sich am wohlsten fühlen, wenn es nur ihresgleichen gäbe. Die Welt ist aber global geworden. Ich habe die Ananas, die Papaya, die Melone und die Kirsche kennengelernt. Für mich gibt es kein zurück mehr, wo im Garten konkurrenzlos nur Apfel und Birne wachsen.
Während ich also von bunten Obstschalen träume, verstaue ich die Äpfel an einem kalten dunklen Ort, direkt vor den Nachrichten, passend zu ihrer Stimmung.

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  1. Toll geschriebene Metapher!

  2. Fastdäne

    Moin, moin,

    das Bild vom braunen Obst hat was zum Nachdenken anregendes. Wo sind da die Parallelen? Wer ist hier Traube, wer Apfel und wer nur das böse Ethylen?
    Mich haben Bilder aus Dresden abgestoßen. Natürlich sind die gefiltert durch die TV Berichte. Sehr erschreckend ist für mich, dass auch im hiesigen Kollegenkreis diese dumpfen Pöbeleien als Ausdruck von Meinungsfreiheit gesehen werden.
    Wenn dann die Polizei auch der Pegida noch wohlwollend ein gutes Gelingen wünscht und bei nicht genehmigten Pegida-Zusammenrottungen (waren eigentlich verboten!) tatenlos zusieht, dann, ja was dann?
    Da möchte ich gerne einen Zaun um Dresden bauen, und raus darf nur das Obst, das noch nicht angefault ist. Den Rest dann einfach beobachten. Wenn dann die Natur waltet bleibt ja irgendwann nur Kompost, allerdings ist der ja auch wieder fruchtbar.

    • Der Apfel ist ein schlaues Wesen. Manchmal hilft erst der Blick in sein Innerstes, um die verdorbenen Stellen zu finden. Die Banane hingegen hat ein schlichtes Gemüt und trägt ganz stolz ihr Innerstes nach Außen. Schade, um all das ethylensensible Obst. In einem wunderschönem Obstsalat fällt der eine oder andere mit seinem Geschmack heraus. Überwiegt aber der gärige Geschmack, denkt der Koch das müsse so und da wo man früher die eine oder andere Frucht rausfischte, bleibt diese nun liegen und passt sich dem allgemeinem Geschmack an. Wenn sich so eine Geschmacksveränderung langsam einschleicht, braucht es meist einer größeren Magenverstimmung bevor alle Vorräte gründlich durchgeguckt werden. Bis dahin, immer den Fruchtfliegen folgen und sich notfalls auch vom besten, liebsten Freundes-Obst trennen.

      • Fastdäne

        Hallo,
        in dir scheint eine Philosophin ihren Weg nach draußen zu suchen! Es tut übrigens aber weh und stößt sauer auf, wenn man sich von eigentlich viele Jahre sehr gemochten Obst trennen muss oder feststellt, dass dieses wegen zunehmend brauner Flecken immer ungenießbarer wird.
        Dabei finde ich immer mehr Bananen, die Äpfel verstecken sich immer besser. Wie enttäuschend ist es dann, wenn man einen leckeren Apfel gefunden hat, nach ein paar Bissen auf ein überreifes braunes Kerngehäuse zu stoßen.
        Auf gärigen Geschmack im Obstsalat habe ich schon immer mit stehenlassen reagiert. Es sei denn mit lecker Vanilleeis und Schlagsahne sowie einem sehr guten Rum (eher goldfarben als braun 🙂 ) wurde der Geschmack überdeckt.
        Gruß von der Dänischen Grenze
        Frank

        • Gut dass wir hier nur von Äpfeln und anderem Obst sprechen. Je näher eine Spezies an den Homo sapiens rückt, desto aggressiver wird diese. Man stelle sich vor, was Menschen aneinander antun würden…

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