Karin Kittel

Der Jürgen, die Frauen und der Urin

Man muss Niederlagen mit Würde einstecken können. „Kittel richten und weiter geht’s“, so lautet die Devise. Warum ich das sage? Der diesjährige Friedensnobelpreis ging an den kolumbianischen Präsidenten Santos und nicht an mich.

Um einen Nobelpreis, egal in welcher Kategorie, zu erlangen, muss man nominiert werden; da die Liste der Nominierten aber geheim bleibt, hatte ich bis zuletzt gehofft. Einige wenige Menschen dürfen Nominierungen einreichen, so dass sowohl Donald Trump, Wladimir Putin, als er die Krim annektierte und sogar Adolf Hitler schon mal nominiert waren.

Aus meinem laienhaften Verständnis heraus dachte ich, dass man immer lieb sein muss, wenn man einen haben will. Man sollte nie einen Streit angefangen haben und es wäre gut, wenn man wenigstens schon mal einen solchen geschlichtet hätte. Zusammenfassend, ich hatte das Projekt bereits zu Zeiten meiner Pubertät ad acta gelegt.

Nun werde ich aber demnächst 40 und habe bisher keine großen Spuren für nachfolgende Generationen hinterlassen, so dass ich das Thema Nobelpreis nochmal aufgegriffen habe. Da mir aber Mittel und Wege fehlen ein Land zu annektieren, einen Weltkrieg anzuzetteln oder einfach… ach lassen wir das. Der Friedensnobelpreis wird es jedenfalls nicht.

Den Literaturnobelpreis verschiebe ich auf später. Rein objektiv betrachtet, bin ich für die Ehrung eines Lebenswerks, dank moderner Medizin, wohl noch zu jung. Durchgeimpft wie ich nunmal bin, werde ich selbst eine Pockenepidemie locker weglächeln können und mit 90, im Schlepptau meines mobilen Beantmungsgerätes, in die Rentenkasse einzahlen.

Nobelpreis in Physik, Chemie und Physiologie wird auch nicht, da es Streberfächer sind. Da muß man sich nachts die Eieruhr stellen und irgendwelche Sachen in irgendwelche Nährmedien titrieren, Kurven und Diagramme malen in dunkeln Kammern und ohne soziale Kontakte vor sich hinvegetieren. Das ist nicht viel anders als die Säuglingszeit zu Hause; mit einer Kaffetasse bewaffnet kann man darauf warten, dass das Kind nachts stündlich wach wird, weil es gerade eine Phase hat und / oder ein Zahn kommt. Während man biologische Giftstoffe in Windeleimern verstaut, redet auch keiner mit einem, das zufriedene Glucksen ausgenommen.

Um zu Ruhm und Ehre zu gelangen, bleibt eigentlich nur noch die Medizin. Das erfreuliche an der Medizin ist nämlich, dass vieles schon mal da war und das meiste aber wieder vergessen wurde. Schuld daran ist einzig und alleine die Pharmamafia.

Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand schreit und sich beklagt, ich hätte ihm sein Gedankengut gestohlen. Wo kein Kläger, da bleibt der Nobel.

Wer kennt Jürgen Throwalds „Das Geheimnis der frühen Ärzte“? Nein, keiner? Sehr gut. Danke.

Es gehört definitiv zu meinen liebsten Büchern. Die alten Ägypter waren noch richtige Draufgänger. Mit irgendwelchen Haken und Stechapparaten wagten sie sich sogar an Hirntumore, die durch die Nase „operiert“ wurden. Nun gut, wie man sich sicher sein konnte, dass es wirklich ein Hirntumor war und nicht ein psychiatrisches Problem, ganz ohne CT oder MRT, weiß ich jetzt auch nicht zu sagen.

Wer den Nobel haben will, der muss auf Daten, Patienten, Versuche oder irgend etwas in der Art verweisen. Solche invasiven Experimente wie oben beschrieben, wollte ich jetzt nicht wiederholen. Ganz davon abgesehen, war mir Neurologie immer schon zu komplex. In Folge dessen habe ich mich für ein simples Experiment für den Hausgebrauch entschieden.

Nachdem ich Operationen, Gifttränke und wenig erfolgversprechende Experimente ausschloss, blieb eigentlich nur noch die Sache mit dem Urin übrig. Urin ist immer verfügbar, jeder ihn hat, er ist mehr oder minder steril und die Hemmschwelle für Probanden nun nicht so groß ist, wie bei einer Hirn-Op. Es geht um Schwangerschaftsteste.

Man soll bloß nicht glauben, dass nur Frauen im 21. Jahrtausend nachts um 3 Uhr unbedingt wissen wollen, OB sie schwanger sind, SEIT WANN das nun genau ist und WAS ES WIRD. Das erklärt auch die beliebten Notfall-Ultraschalls, wenn der Gynäkologe selbst von seinem Bett nur zu träumen wagt. Das Szenario ist immer dasselbe. Frau kann nachts nicht schlafen vor lauter Grübeln und versucht dem Abhilfe zu schaffen, indem sie einfach mal in die Notaufnahme fährt. Dafür zahlt man ja schließlich Krankenkassenbeiträge. „Herr Doktor / FrauDoktor, ich hab da so schreckliche Unterleibsschmerzen“ (Zu der Version riet man ihr in diversen Facebook-Foren). „Ich glaube, dass ich schanger bin, da meine Periode schon 10,5 Stunden überfällig ist und wo Sie schonmal gucken, können Sie mir auch gleich sagen, was es wird?“

Frauen im alten Ägypten plagte auch das ewige Grübeln. Wahrscheinlich war zur damaligen Zeit das Geschlecht des Kindes entscheidener, als das ob überhaupt. Der Herr Thorwald beschreibt in seinem Buch, dass die Frauen täglich auf Getreide uriniert haben und wenn etwas wuchs, dann war man schwanger. Wuchs die Gerste, wurde es ein Junge. Wuchs der Weizen, wurde es ein Mädchen. So simpel, so kostengünstig, so doof für die Marktführer unter den Schwangerschaftstests, wenn das jemals rauskommen würde. An dieser Stelle frage ich mich immer, wie das Ganze nun entdeckt wurde. Hat sich eine junge Schwangere mit großem Pioniergeist und visionärem Wesen sich über alle zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel gehockt und es einfach mal ausprobiert?

Im Internet findet man ja bekanntlich alles. Ich fand jedenfalls meine Probanden dort. 3 Schwangere, 3 Nicht-Schwangere und ein Mann. Er war quasi mein Ass im Ärmel, die ultimative Kontrollgruppe. Unsere kleine urinierfreudige Gruppe stand recht schnell vor den ersten Problemen: wo die Beutel lagern, damit der Rest der Familie nicht angewidert auszieht? Säckchen offen lassen oder nach dem Pinkeln wieder verschließen? Licht versus gleichbleibend feuchtes Milieu. Wo bekomme ich Gerste und Weizen her? Wie erkläre ich das meinem Bäcker?

Auch das Getreide selbst musste strengen Kontrollen unterzogen werden. War das Getreide überhaupt keimfähig? Eine Bewässerungsprobe musste den Beweis erbringen. Als Berliner Hipstermutter kannte ich mich sehr gut mit Chiasamen aus, bei der Keimfähigkeit von Gerste und Weizen mußte ich passen. Erfreulicherweise kannte sich eine meiner Probandinnen gut aus und war zudem schwanger. Der Arzt konnte das Geschlecht ihres Kindes nicht eindeutig ausmachen, so dass durch ihre persönliche Motivation alle Probleme rasch gelöst werden konnten. Wir besorgten Getreide, welches liebevoll in blaue und rosa Säckchen eingenäht und an alle Probanden verschickt wurde, damit die Bedingungen für alle die selben waren.

Das Ergebnis, nun ja, das war ernüchternd. Der Mann war nicht schwanger, das wäre tatsächlich das schlimmste Szenario gewesen. Das Experiment wäre gescheitert oder der Mann wäre berühmt geworden und nicht ich. Bei den anderen ist entweder nichts gewachsen (auch bei den Schwangeren) oder es ist ein bißchen gewachsen, dann allerdings das falsche Getreide, welches gleich daraufhin verschimmelt ist.

Dennoch glaube ich fest daran. Ich brauche einfach nur mehr Zeit, doch dafür müsste das Kind erstmal lernen, sich auch mal alleine zu beschäftigen.

Nächstes Jahr möchte ich nicht mehr in die enttäuschten Gesichter meiner Familie blicken müssen, wenn wieder mein Name bei der Nobelpreisverleihung nicht gefallen ist. Drum gebt mir bitte Eure Stimme.

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  1. Junikaefer

    Bitte die Ergebnisse neu berechnen unter dieser Vorgabe: DIE Gerste = Mädchen (die Frau) und DER Weizen = Junge (der Mann). Nach Veröffentlichung der sicherlich korrekten Ergebnisse (der nicht schwangere Mann beweist den korrekten Versuchsaufbau) werden wir Sie, Frau Scheider, selbstverständlich für den Nobelpreis vorschlagen. Und für eine Sonderprämie, auszuschütten vom Spitzenverband der Krankenkassen, denen dieses Vorgehen viele Kosten erspart, könnte man doch endlich publik machen, dass eine Geschlechtsbestimmung nachts um vier via modernem Ultraschall weder an der Zygote noch an der Blastozyste möglich ist, was das Aufsuchen gynäkologischer Abteilungen im Rahmen der Notfallsprechstunde wegen „Unterbauchschmerzen“ vermutlich deutlich verringern würde.

    Oder sie versuchen eben dieses (Identifikation des Genotyps im unmittelbar post-conceptionalen Stadium unter Zuhilfenahme nicht invasiver diagnostischer Methoden) und ernten im Erfolgsfalle nicht nur den Nobelpreis, sondern auch noch die weit wichtigere Huldigung und ewige Dankbarkeit zahlreicher Facebook-Jüngerinnen und Jünger. Ich würde anschliessend empfehlen, die Facharzttätigkeit an den Nagel zu hängen und statt dessen ein Franchise-Unternehmen zu eröffnen, in welchem es fast schon Schwangeren möglich ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit das Geschlecht ihres potentiell gezeugten Kindes zu erfahren.

  2. Ich denke, der Nobel springt spätestens dann heraus, wenn die Versuchsreihe neben Empfängnistermin und Geschlecht noch die Identität des Vaters preisgeben würde. Das wäre nicht nur ein Schlag ins Kontor der Pharmaindustrie, sondern auch noch in das der Rechtsmediziner. Damit könnte man selbst Mark Bennecke beeindrucken.

    • Man könnte zur Identitätsfindung des Vaters ein genormtes Ouija-Brett nutzen. Ich habe bereits Visionen und werde Sie lobend erwähnen bei der Preisverleihung

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