Karin Kind Kittel

„Sie können leider nicht in Betracht gezogen werden“


Frau Huber legte mir ihre von Zeit und Arbeit gezeichnete Hand auf die Schulter und gestand, dass sie immer noch nicht ganz verstanden hätte, was ich hier eigentlich machen würde. Ich sehe doch noch so jung aus und wenn der Eindruck sie nicht trügen würde, wie ich dann eine Pflegeausbildung und ein Medizinstudium in so kurzer Zeit absolviert haben könnte.

Brienne räkelt sich verschlafen, während das schrille Geräusch des Weckers sie und ihren Mann daran erinnert, dass der Tag um 6 Uhr beginnt und die Kinder aus den Betten geworfen werden müssen. Die Nacht war wie immer kurz, da das Baby noch ein- bis zweimal nach ihr verlangt. Dennoch genießt sie diese initimen Momente, wo beide sich so nah sind, wie nur eine Mutter ihrem Kind sein kann. Bald würde auch diese Zeit vorbei sein. Der Kaffee ist wie jeden Morgen so stark, dass er Tote wieder erwecken könnte. Tiefschwarz und sirupartig, ein Löffel würde in der Mitte stehen bleiben.  

Eigentlich war Frau Huber nur zum Verbandswechsel da, nachdem ich eine Woche zuvor eine Nagelkeilexzension bei ihr durchgeführt hatte. Sie war sichtlich erleichtert, dass alles so komplikationslos, schnell und einigermaßen schmerzlos von statten gegangen war, so dass sie sich sehr herzlich bei der Schwester (mir) und dem Arzt, der eigentlich der Pfleger war, bedankte. Ich hatte ihr daraufhin versucht zu erklären, dass solche Eingriffe von Ärzten durchgeführt werden, also in diesem Fall von mir, und eine Pflegekraft und nicht der Arzt dabei assistieren würde. Nach einer Woche, in der ihr diese Unstimmigkeit keinen Frieden ließ, war wohl die logische Schlußfolgerung, dass ich Krankenschwester und Ärztin war.

Nachdem Brienne und ihr Mann alle drei Kinder mit Kleidung, Seife, Zahnpasta und Frühstück versorgt haben, verlässt Marie um 7:20 Uhr als Erste das Haus, um zur Schule zu gehen. „Groß ist sie geworden, schnell ist die Zeit verflogen“, denkt Brienne, wenn sie ihr so manches Mal nachblickt.

Bei meiner nächsten Anstellung als Ärztin im Praktikum begegnete ich Christine. Christine ist Christine, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ihr gebührt bis heute mein ganzes Herz und sie ist der Grundstein für meine Liebe zu Herzen. Eigentlich sollte jemand anderes diese, meine Stelle bei ihr in der Kardiologie bekommen, aber er war ein Mann und Christine wollte lieber keinen Mann als Praktikanten bei sich aufnehmen. Sie meinte, dass Männer genug Unterstützung fänden, egal wohin sie kämen. Daher nahm sie mich. Welch Fügung. Welch ein Glück. Sie war und ist die Göttin der Echokardiographie und ich durfte ihr über die Schulter schauen, auch wenn ich kurz über umgekehrten Sexismus und die Dynamik von Mädcheninternaten nachdachte. So eins bildete den Ursprung für Christines Meinung.

Brienne bringt das Nesthäkchen zur Kita und ihr Mann den mittleren Sproß. Brienne und ihr Mann sind Ärzte. Jamie ist Orthopäde und Brienne Neurologin. Sie haben sich im Studium kennen- und lieben gelernt. Brienne ist eine dieser Neurologinnen, die seit Jahren Assistenzärztin sind, oberärztliche Tätigkeiten für ein Assistentengehalt tätigen und ihre jungen männlichen Kollegen an sich vorbeiziehen sehen. Junge Männer, die sie angelernt haben, die dynamisch ihre Stellung behaupten und irgendwann Brienne weisungsbefugt sind. Das schmerzt manchmal.

Das hier war so viel besser als dieses ewige theoretische studieren und warten, bis es endlich mal losgehen würde mit echten Menschen und echten Krankheiten, statt den ewig langen Vorträgen. Bis zu meinem praktischen Jahr hatte ich nicht viel von der Welt gesehen und schlug mich mehr schlecht als recht durch die stumpfe Theorie des Studiums.  Während ich mir tagsüber den Hintern in Vorlesungen platt saß und versuchte, dabei nicht einzuschlafen, verdiente ich mir nachts das Geld für diese, indem ich Nachtwachen in Krankenhäusern machte.

Meine Nachbarn machten sich wohl ihre eigenen Gedanken dazu und irgendwann bekam ich ein Schreiben der Hausverwaltung. Die Nachbarn hätten sich beschwert, dass ich einer „nächtlichen“ Tätigkeit nachgehen würde, die damit wohl moralisch als nicht ganz einwandfrei zu bezeichnen wäre, was dadurch untermauert wurde, dass ich an manchen Tagen sogar Männerbesuch empfangen würde.

Irgendwann viel viel später lag der Herr Nachbar dann auf meiner Station und Frau Nachbarin fragte immer wieder nach einem Arzt. Zu dem Zeitpunkt war ich dann der / die Arzt. Dies passte aber so gar nicht in das Weltbild von Frau Nachbarin, die immer nur fragte, was ich denn hier bloß machen würde. Die Frau mit den nicht ganz einwandfreien Moralvorstellungen. Herrn Nachbar war dies herzlich egal, da die Demenzerkrankung ihn in seine eigene Welt versinken ließ.

Täglich um 8:20 Uhr beginnt Brienne ihre Arbeit in der Ambulanz der Uniklinik. Sie ist sorgsam in dem was sie tut. Sie ist eins dieser fleißigen Mädchen, die bereits in der Schule in schöner, kleiner Schrift sorgsam auf der Linie ihres Schreibheftes blieben. Sie hört ihren Patienten zu und ordnet lieber eine Untersuchung zu viel als eine zu wenig an. Sie nimmt sich der Sogen und Nöte der Menschen an, bleibt länger wenn es wichtig ist.

Bevor ich meinen erste Stelle als „Ärztin im Praktikum“ antrat, musste man damals noch viele Bewerbungen schreiben. Sehr viele. Um so dankbarer war ich für die Zusage. Halbjährlich war ich dankbar, dass die Stelle verlängert wurde. Erst später war ich nicht mehr so dankbar, als ich feststellen musste, dass meine männlichen Kollegen alle von Beginn an einen Facharztvertrag bekamen. Nur die Frauen, die wurden halbjährlich verlängert. Vielleicht war das auch nur fürsorglich gedacht, denn der damalige Verantwortliche sah Frauen eher im Bereich „leichter medizinischer Tätigkeiten“ wie Anästhesie oder irgendwas mit Augen oder Haut.

Mittlerweile ist es 15:45 Uhr und alle Kinder müssen wieder eingesammelt werden. Es beginnt eine große Tour vom Kindergarten, über den Hort und zuletzt wird das Baby bei der Tagesmutter abgeholt. Im Auto beginnt eine die schnelle Verteilung von Kohlenhydraten in Form von Laugenstangen und anderem Gebäck. Lässt sich notfalls gut wegsaugen.

Irgendwann fanden mein Mann und ich einen neue Heimt in Berlin. Der Anfang war hart und der Umgangston ungewohnt barsch. Überall um Berlin herrschte nunmehr ein Ärztemangel und man ging zunehmend freundlicher mit diesem um. Nach Berlin wollte aber jeder, so dass es hier scheinbar keinen Mangel gab und der Ton wieder rauer wurde.

Nachdem ich bei einer Stationsvisite erlebte, wie der Chefarzt einer gestandenen Internistin erklärte, warum sie niemals in die Kunst der Schrittmacherei unterwiesen werden würde und ihrer statt der junge dynamische und frische Uniabsolvent in den OP durfte, ging ich zum Friseur. Ich betrat das Geschäft und wünschte mir, älter, strenger und unnahbarer auszusehen. „Dat jeht nur kurz, glatt und dunkel“ sagte der Einheimische, während er meine lange blonde, Lockenmähne um 30 cm kürzte und schwarze Paste einmassierte. Es half dennoch nicht, die Worte zu vergessen; dass Frau, wenn sie Kinder bekommt, selber schuld ist und nie den Schrittmacher-OP sehen wird.

Ein bis zwei Kinder werden dem eintreffendem Vater schnell übergeben, um mit der Großen das Nötigste einkaufen zu gehen. Vorwurfsvolle Blicke an der Kasse, als das übermüdete Kind ständig nach den in Armlänge liegenden Süßigkeiten greift und Brienne es irgendwann erschöpft geschehen lässt, nur damit sie einen Moment mit ihren Gedanken abschweifen kann und an die junge Mutter (32 Jahre) von 2 Kindern denkt, die eine rapid verlaufende ALS hat und sie plötzlich weinen muss.  

Mein Mann und ich haben irgendwann den Bund des Lebens geschlossen und irgendwann wurden aus zwei drei und aus drei wurden vier. Für meinen Fachbereich war das ein Novum, an die letzte Schwangere konnte sich keiner so recht erinnern, aber mein Chefarzt benahm sich vorbildlich. Ja, das tat er wirklich. Dennoch verschwanden die Kolleginnen in die Geriatrie, Reha Kliniken oder wechselten zum MDK.

Gegen 18 Uhr sind alle zu Hause um den Abendbrottisch versammelt. Einer muss vorher noch schnell die Große vom Handball abholen, dann kehrt endlich Ruhe ein. Hausaufgaben werden noch schnell korrigiert. Das Sandmännchen läuft, während die Wäsche von heute morgen schnell aufgehangen wird.

Der Tag war lang und um  20:15 Uhr liegen endlich alle Kinder in ihren Betten. Das Baby schreit noch zwei, drei mal auf, dann ist es leise im Haus. Während sie das Essen für den kommenden Tag vorbereitet, liest Brienne noch ein paar Papers, sie steht kurz vor der Habilitation. Ihr Chef meinte heute, dass sie nicht zu denen gehört, die abends noch forschen, sie könne „forschungsmäßig“ mit den anderen Oberärzten nicht mithalten. Auch wenn sie gut publiziert, habilitiert sie einfach zu langsam und kann daher als Oberärztin nicht in Betracht gezogen werden. Die Prämienausschüttung erfolgte auch Impact Factor basiert. Schade für Brienne und die anderen Kollegen, die am Bett ihrer Patienten sitzen und ihnen die Hand halten, während ihr Kind wieder das letzte ist, das aus der Betreuung abgeholt wird.

Heute saß ich übrigens wieder beim Friseur, als mir die Frau an der Schere lachend erzählte, dass nie jemand davon ausgehen würde, sie wäre hier die Chefin und die zwei „Jungs“ ihre Angestellten. Besonders Frauen wären da häufiger voreingenommen und ja, ich war ertappt.

Und weil ich ertappt wurde und man mit der Zeit all die kleinen Geschichten vergisst und irgendwann all die kleinen Dinge nicht mehr sieht oder mitlacht, wenn alle wieder die Augen verdrehen und über die Mutter witzeln, die schon wieder im Kinderkrank ist… darum möchte ich mit Euch meine und Briennes Geschichte teilen. Seid achtsam.

-Für Christine, eine Frau die es verstanden hat –

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  1. Moin, moin
    von dieser Arroganz und Ignoranz vieler Ober- und Chefärzte habe ich schon oft gehört. Erschreckend, dass da scheinmal immer noch der Nachwuchs aus Opportunisten, Ja-Sagern und Angepassten rekrutiert wird. Kritik wird als Majestätsbeleidigung gedeutet, eigentlich ein schlimmes System. Ein guter Bekannter hat sein Medizinstudium als Soldat aber an einer zivilen Uni/ Uniklinik gemacht. Er war sehr froh, zunächst keine Rücksicht auf seine spätere Karriere nehmen zu müssen, denn seine Verwendung bei der Marine stand schon fest.
    Was Menschen über Menschen denken, die nachts ihr Studium finanzieren kenne ich auch noch gut. Ich habe viele Nächte im Taxi verbracht und es war eine lehrreiche Erfahrung, zu erleben, wie gerade gehobene Schichten mit Dienstleistern umgehen.
    Ja und manchmal trifft man sich heute wieder, hihihi.
    Ob sich allerdings normale Karriere und Mutterrolle wirklich verbinden lassen, bin ich immer noch unsicher. In deinem Beruf und der breiten Allgemeinheit sollte es machbar und selbstverständlich sein. Ich kann aber auch Kolleginnen und Kollegen verstehen, die über ständige Vertreterfunktion stöhnen, weil die Kollegin „kinderkrank“ ist.
    Wenn dann noch bei Dienstplänen dazu kommt, dass „Mutti“ erst um 09:00 starten kann, weil die Kita erst ab 08:00 Kinder aufnimmt und Besprechungen am Nachmittag nur wahrgenommen werden können, wenn klein Paul dabei unter dem Konferenztisch rumkrabbelt, erfordert das große Toleranz.
    Hier müssen einfach bessere Rahmenbedingen geschaffen werden. Frau v.d. Leyen kennt solche Sorgen nicht, da gibt’s schon immer viel Personal im Haus, das sich um Haushalt und Kinder kümmert.
    Gruß Frank

  2. Die Sonne geht auf und unter, die Zeiten vergehen. Aber die Themen bleiben die gleichen. Die Frauen kämpfen nach wie vor um das Gleiche. Vielleicht wird es endlich mal wieder Zeit für eine Bewegung in unserer Gesellschaft… lasst es doch die „Mütterbewegung“ nennen…

    • Ärzte sind und waren schon immer Einzelkämpfer. Für eine Bewegung die denkbar schlechtesten Bedingungen. Aber schön dass Du schreibst. Ich konnte nicht herausfinden, ob du auch bei Twitter bist?!

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